Moin. Es gibt einen Moment, in dem jeder Nordeuropäer im Mittelmeer einmal schlucken muss: Du läufst in einen kroatischen oder griechischen Hafen ein, suchst mit den Augen die vertrauten Fingerstege, und da ist: nichts. Nur eine lange Kaimauer, Boote dicht an dicht mit dem Heck zur Pier, und ein Marinero, der Dir wild winkend eine Lücke von gefühlt vier Metern Breite zuweist. Willkommen beim Anlegen auf Mittelmeer-Art.
Die gute Nachricht: Muring, Boje und Buganker sind keine Geheimwissenschaft, sondern Technik plus Vorbereitung. Wer den Ablauf einmal verstanden hat, legt damit sicherer an als mancher Fingersteg-Profi bei Seitenwind. Gehen wir die drei Varianten durch, Schritt für Schritt.
Variante 1: Die Muring, der Standard in Marinas
In den meisten Mittelmeer-Marinas liegst Du mit dem Heck (oder Bug) zur Pier, gehalten von einer Muringleine. Das ist eine fest am Grund verankerte Leine, deren dünner Vorläufer an der Pier befestigt ist. Der Ablauf:
- Vorbereitung vor der Einfahrt: Fender beidseitig auf voller Länge, zwei Achterleinen belegt und ausgeworfen klariert, Crew eingewiesen. Wer erst in der Box anfängt, Leinen zu suchen, hat verloren.
- Rückwärts in die Lücke: langsam, mit kurzen Schüben statt Dauergas. Der Radeffekt ist Dein Freund, wenn Du ihn kennst, und Dein Feind, wenn nicht. Wie Du Dein Boot rückwärts unter Kontrolle hältst, üben wir im Ratgeber Anlegen und Ablegen.
- Achterleinen zuerst: An der Pier angekommen, gehen beide Achterleinen an Land. Sie stoppen das Boot und geben Dir Ruhe für den nächsten Schritt.
- Muring aufnehmen: Mit dem Bootshaken den Vorläufer an der Pier greifen und die eigentliche Muringleine zum Bug durchhangeln, dabei Handschuhe an! Die Leine ist bewachsen, glitschig und voller Muschelscherben. Am Bug ordentlich durchsetzen, bis sie das Boot von der Pier wegzieht.
- Die Balance einstellen: Muring vorn steif, Achterleinen so, dass das Heck nicht an die Pier kann. Das Boot hängt jetzt im Kräftedreieck.
Der häufigste Fehler: die Muring zu lasch durchzusetzen. Dann hängt Dein Heck bei der ersten Schwellwelle an der Kaimauer. Nach der Sturmnacht, die ich gerade auf Pag erlebt habe, sage ich Dir aus frischer Erfahrung: Die straffe Muring ist die Versicherung Deines Hecks, sie hat mein Boot vor Schlimmerem bewahrt. Und lass Abstand zur Pier: lieber einen großen Schritt an Land machen als eine Nacht lang die Badeplattform an der Betonkante schleifen hören.
Variante 2: Der Buganker, römisch-katholisch am Stadtkai
In kleinen Häfen und an Stadtkais ohne Muring machst Du dasselbe mit eigenem Geschirr: Anker fallen lassen, rückwärts zur Pier, Achterleinen an Land. Die Kunst liegt im Timing:
- Früh genug fallen lassen: Der Anker geht etwa drei bis vier Bootslängen vor der Pier ins Wasser, bei viel Wind eher mehr. Zu spät gefallen hält er nicht, zu früh gefallen fehlt Dir Kette.
- Kette stetig stecken: Während Du rückwärts läufst, muss die Kette zügig und ohne Berge auslaufen, sonst legst Du sie Dir selbst übers Geschirr.
- Eindampfen: Kurz vor der Pier die Kette dichtholen, bis sie trägt. Sie übernimmt jetzt die Rolle der Muring.
Das große Thema hier heißt Ankersalat: In beliebten Häfen liegen die Ketten der Nachbarn kreuz und quer. Leg Deinen Anker deshalb möglichst senkrecht zur Pier aus, nicht schräg über die Nachbarketten. Und wenn morgens beim Ankeraufgehen eine fremde Kette auf Deinem Anker liegt: Ruhe bewahren, fremde Kette mit einer Hilfsleine anheben, eigenen Anker freidippen, Hilfsleine slippen. Kein Grund für Hafenkino, auch wenn Du garantiert Publikum hast. Welches Geschirr für solche Manöver taugt, klären der Anker-Vergleich und der Ratgeber zur Ankerketten-Dimensionierung.
Variante 3: Die Boje, entspannt in der Bucht
In vielen Buchten liegen heute Festmacherbojen, teils bewirtschaftet, teils von Restaurants ausgelegt. Der Ablauf ist entspannter, hat aber seine eigenen Regeln: Boje von Lee anlaufen, Vorläufer mit dem Bootshaken aufnehmen und eine eigene Leine durch die Öse fahren, beide Enden zurück an Bord (Slip-Prinzip, dann kommst Du auch ohne Bootsmesser wieder weg). Niemals das dünne Bojen-Toppzeichen als Festmacher missbrauchen. Und: Eine unbekannte Boje ist ein Vertrauensvorschuss. Du weißt nicht, was unten dranhängt und wann es zuletzt geprüft wurde. Bei angekündigtem Starkwind gehört Dein Boot an den eigenen Anker oder in den Hafen, nicht an die anonyme Boje.
Was alle drei Varianten gemeinsam haben
- Briefing schlägt Brüllen: Vor dem Manöver 60 Sekunden Rollenverteilung: wer nimmt die Muring, wer belegt achtern, wer fendert ab. Handzeichen vereinbaren, dann bleibt es leise.
- Langsam ist professionell: Jedes Manöver so langsam wie möglich, so schnell wie nötig. Schwung kann man nicht zurücknehmen.
- Handschuhe und Bootshaken gehören griffbereit in die Plicht, nicht in die Backskiste.
- Schwell einplanen: Abstand zur Pier, lange Leinen, Ruckdämpfer. Häfen mit offener Einfahrt können nachts ungemütlich werden, auch bei schönem Wetter.
- Strom und Wasser erst nach den Leinen: Erst liegt das Boot sicher, dann kommt der Komfort.
Mein Fazit: Übung vor Urlaub
Das Mittelmeer-Anlegen hat einen unschlagbaren Vorteil: Es ist überall gleich. Wer Muring, Buganker und Boje einmal sauber beherrscht, legt von Kroatien über Griechenland bis Mallorca ohne Herzklopfen an. Mein Rat: Übe das Rückwärtsfahren und das Eindampfen an einem ruhigen Tag in einer leeren Ecke Deines Heimatreviers, bevor Du es das erste Mal vor vollbesetzter Hafenpromenade zeigen musst. Dein Puls wird es Dir danken. Und die Zuschauer finden ein sauberes Manöver sowieso langweilig, sollen sie doch!
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine Muringleine?
Eine Muring ist eine fest am Hafengrund verankerte Festmacherleine. Ihr dünner Vorläufer ist an der Pier befestigt. Beim Anlegen wird der Vorläufer aufgenommen, die eigentliche Muringleine zum Bug geführt und dort steif durchgesetzt. Sie hält das Boot von der Pier ab und ersetzt den Anker.
Wann lasse ich beim Anlegen mit Buganker den Anker fallen?
Etwa drei bis vier Bootslängen vor der Pier, bei starkem Wind eher mehr. Während der Rückwärtsfahrt muss die Kette stetig auslaufen. Kurz vor der Pier wird eingedampft, also die Kette dichtgeholt, bis sie trägt und das Boot von der Pier abhält.
Wie vermeide ich Ankersalat im Hafen?
Den Anker möglichst senkrecht zur Pier auslegen statt schräg über die Ketten der Nachbarn. Liegt beim Ankeraufgehen eine fremde Kette auf dem eigenen Anker, hebt man sie mit einer Hilfsleine an, dippt den eigenen Anker frei und slippt die Hilfsleine wieder.
Ist das Festmachen an einer fremden Boje sicher?
Nur bedingt. Zustand und Wartung des Bojengeschirrs sind von außen nicht erkennbar. Für einen Badestopp oder eine ruhige Nacht mit eigener Slip-Leine ist eine bewirtschaftete Boje meist in Ordnung, bei angekündigtem Starkwind gehört das Boot an den eigenen Anker oder in den Hafen.
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