Es gibt diesen Moment am Abend, wenn der Motor aus ist, die Kette gefiert wird und sich der Anker irgendwo da unten in den Grund gräbt. Was dann folgt, eine ruhige Nacht oder ein nervöses Aufschrecken bei jeder Bö, hängt an einem einzigen Stück Metall am Ende der Kette. Der Anker ist die Lebensversicherung des Ankerliegers, und trotzdem wird er beim Bootskauf gern stiefmütterlich behandelt. Dabei lohnt es sich, die wichtigsten Anker-Typen und ihre Stärken zu kennen, denn der eine hält im Sand, der andere im Kraut, und keiner hält überall gleich gut.
Worauf es beim Halten wirklich ankommt
Die Haltekraft eines Ankers entsteht nicht durch sein Gewicht, sondern dadurch, wie tief und wie sicher er sich in den Meeresboden eingräbt. Ein guter Anker dreht sich beim Zug in die richtige Lage, taucht ein und baut mit zunehmender Last sogar mehr Halt auf, statt auszubrechen. Entscheidend sind dabei drei Dinge: die Form der Schaufel, der Untergrund und das Verhältnis von ausgebrachter Kette zur Wassertiefe. Als Faustwert gilt das Drei- bis Fünffache der Wassertiefe an Kette, bei viel Wind eher mehr. Der beste Anker der Welt hält schlecht, wenn die Kette zu kurz ist.
Der Untergrund ist der zweite große Faktor. Sand ist der dankbarste Grund, in ihm graben sich fast alle modernen Anker sicher ein. Schlick und weicher Schlamm verlangen eine große Fläche, Seegras und Kraut sind tückisch, weil die Schaufel erst durch die Pflanzendecke stoßen muss, und in Fels oder Geröll hält am Ende nur, was sich irgendwo verhakt. Wer sein Revier kennt, wählt seinen Anker danach.
Die Klassiker: Pflug, Kralle und Plattenanker
Über Jahrzehnte haben drei Bauformen den Markt geprägt. Der CQR, ein Pfluganker mit gelenkig gelagerter Schaufel, kam schon 1933 auf und galt lange als Standard auf Fahrtenyachten. Er hält ordentlich in Sand und Schlick, braucht aber Zeit zum Eingraben und reagiert empfindlich auf wechselnde Zugrichtung. Der Delta, ein Pflug mit starrer Schaufel, gräbt schneller ein und sitzt sauber auf dem Bugbeschlag, was ihn bis heute zu einem beliebten Anker auf Charteryachten macht.
Der Bruce oder Krallenanker setzt auf eine breite, dreiklauige Form. Er findet auch bei schwierigem Grund schnell Halt und kommt gut mit drehendem Wind zurecht, erreicht im Verhältnis zu seinem Gewicht aber nicht die Haltekraft moderner Konstruktionen. Der Danforth schließlich, ein Plattenanker mit zwei großen, flachen Schaufeln, glänzt in Sand und Schlick mit hoher Haltekraft bei geringem Gewicht und lässt sich flach verstauen. In Kraut und bei wechselnder Zugrichtung bricht er jedoch leichter aus, weshalb er oft als Zweitanker an Bord ist.
Die neue Generation: Bügel- und Schaufelanker
Seit den frühen 2000er-Jahren hat eine neue Ankergeneration die Maßstäbe verschoben. Der Rocna und ähnliche Bügelanker tragen einen markanten Rollbügel, der den Anker beim Absinken zuverlässig in die grabende Lage dreht. Das Ergebnis ist ein schnelles, tiefes Eingraben und eine Haltekraft, die die alten Klassiker bei gleichem Gewicht deutlich übertrifft. Der Spade erreicht mit einer durchdachten Schaufelform und viel Gewicht an der Spitze ein ähnlich gutes Verhalten, der Vulcan bietet die Eingrableistung der Bügelanker ohne den Bügel und passt damit auf mehr Bugformen.
Diese moderne Generation hat einen guten Ruf nicht ohne Grund. In zahlreichen Vergleichstests von Fachmagazinen schneiden Bügel- und Schaufelanker bei der Haltekraft und vor allem beim schnellen, sicheren Eingraben am besten ab. Wer heute neu kauft und nur einen Anker an Bord haben will, ist mit einem Vertreter dieser Klasse fast immer gut beraten.
Die Anker-Typen im Vergleich
| Typ | Bauform | Stärken | Schwächen |
|---|---|---|---|
| CQR | Pflug, gelenkig | bewährt in Sand und Schlick | gräbt langsam ein, empfindlich bei Drehung |
| Delta | Pflug, starr | schnelles Eingraben, sitzt gut am Bug | im Kraut nur mäßig |
| Bruce | Kralle | findet schnell Halt, gut bei drehendem Wind | geringere Haltekraft je Gewicht |
| Danforth | Plattenanker | hohe Haltekraft in Sand, flach verstaubar | bricht im Kraut leichter aus |
| Rocna / Bügel | Schaufel mit Bügel | gräbt schnell und tief, sehr hohe Haltekraft | Bügel passt nicht an jeden Bug |
| Spade / Vulcan | moderne Schaufel | top Eingrabverhalten, vielseitig | höherer Anschaffungspreis |
Welcher Anker passt zu deinem Boot?
Die ehrliche Antwort lautet: der, der zu deinem Revier und deinem Boot passt. Wer überwiegend in sandigen Buchten des Mittelmeers oder der Ostsee ankert, fährt mit einem modernen Bügel- oder Schaufelanker hervorragend. Wer viel in Seegras unterwegs ist, sollte auf eine Bauform setzen, die durch die Pflanzendecke stößt, und im Zweifel einen schwereren Anker wählen. Als grobe Orientierung gilt: lieber eine Nummer größer als zu klein, denn ein paar Kilo mehr am Bug haben noch keine Nacht verdorben, ein zu kleiner Anker dagegen viele.
„Der teuerste Anker ist der, der in der entscheidenden Nacht nicht hält. Gemessen an einer einzigen Grundberührung ist gutes Ankergeschirr eine der günstigsten Investitionen an Bord.“
Genauso wichtig wie der Anker selbst ist das, was dahinter kommt. Eine ausreichend lange Kette, ein kräftiger Wirbel und ein vernünftig dimensionierter Bugbeschlag entscheiden mit darüber, ob das System hält. Und nichts ersetzt die gute alte Seemannschaft: langsam zurücksetzen, den Anker einfahren lassen, prüfen, ob er hält, und im Zweifel den Vorgang wiederholen, bevor man sich auf eine ruhige Nacht verlässt.
Ein Zweitanker gehört an Bord
Auf längeren Törns ist ein zweiter Anker mehr als Luxus. Er dient als Reserve, wenn der Hauptanker einmal verloren geht, und er erlaubt das Ankern mit zwei Ankern bei beengten Verhältnissen oder drehendem Strom. Oft kombiniert man dafür einen modernen Hauptanker mit einem flachen Plattenanker als Reserve, der wenig Platz braucht und in Sand zuverlässig fasst. So ist man für die meisten Lagen gerüstet, die ein Törn mit sich bringt.
Am Ende zählt das ruhige Gewissen
Ein guter Anker kauft dir das wertvollste Gut an Bord: ruhigen Schlaf vor Anker. Investiere in eine moderne Bauform, dimensioniere großzügig, fahre ihn sorgfältig ein und gib ihm genug Kette. Dann ist der Moment, in dem die Kette ausrauscht und der Anker fasst, kein nervöser, sondern ein guter. Genau dafür ankert man.
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