Es ist der Albtraum jeder Crew: Ein Mensch geht über Bord. Was in den nächsten Sekunden und Minuten passiert, entscheidet über Leben und Tod, und es gibt keine Zeit zum Nachdenken. Genau deshalb wird das Mann-über-Bord-Manöver geübt, bis es sitzt, denn im Ernstfall handelt nur, wer es vorher hundertmal trocken durchgespielt hat. Dieser Beitrag zeigt, worauf es ankommt, vom ersten Ruf bis zur schwierigsten Phase, der Bergung an Bord.

Die ersten Sekunden entscheiden

Geht jemand über Bord, zählt jede Sekunde, und drei Dinge passieren gleichzeitig. Erstens wird laut „Mann über Bord“ gerufen, damit die ganze Crew Bescheid weiß. Zweitens wird sofort der Rettungsring oder die Rettungsboje geworfen, am besten mit Treibanker und Blitzlicht, denn sie markiert die Stelle und gibt der Person Auftrieb. Drittens, und das ist entscheidend, bestimmt eine Person an Bord nur eine Aufgabe: Sie behält die Person im Wasser ununterbrochen im Blick und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf sie. Wer einen Menschen im Seegang einmal aus den Augen verliert, findet ihn oft nicht wieder.

Den Mann-über-Bord-Knopf drücken

Moderne Plotter und Funkgeräte haben eine Mann-über-Bord-Funktion. Ein Druck auf den Knopf speichert die genaue Position und legt einen Kurs zurück dorthin. Das ersetzt nicht den menschlichen Ausguck, aber es liefert eine wertvolle Rückversicherung, gerade wenn die Stelle in der Welle schwer zu halten ist. Macht euch mit diesem Knopf vertraut, bevor ihr ihn braucht, denn im Ernstfall ist keine Zeit, das Menü zu suchen.

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Das Manöver: zurück zur Person

Jetzt geht es darum, das Boot kontrolliert zurück zur Person zu bringen. Für Segler gibt es mehrere bewährte Methoden. Beim sogenannten Quickstop wird sofort angeluvt und eine enge Schleife gefahren, sodass das Boot schnell wieder bei der Person ist. Andere Methoden fahren einen größeren Bogen, um sich kontrolliert von Lee anzunähern. Welche die richtige ist, hängt von Wind, Crew und Boot ab, und genau deshalb übt man sie. Wichtig ist bei allen Methoden, dass ihr euch der Person von der Leeseite nähert, also so, dass das Boot nicht auf sie zugetrieben wird, und dass die Fahrt im richtigen Moment aus dem Boot genommen wird.

„Die schwierigste Phase ist nicht das Hinfahren, sondern das Anhalten am richtigen Punkt und das Bergen. Wer nur das Anfahren übt, übt das Falsche.“

Die unterschätzte Königsdisziplin: die Bergung

Das Boot ist zurück, die Person liegt längsseits, und jetzt kommt der Teil, den die meisten unterschätzen. Einen durchnässten, vielleicht unterkühlten oder bewusstlosen Menschen über die hohe Bordwand zu bekommen, ist enorm schwer, gerade für eine kleine Crew. Eine im Wasser treibende Person wiegt nass und mit Kleidung ein Vielfaches, und einfaches Hochziehen scheitert fast immer. Deshalb gehört an Bord eine durchdachte Bergehilfe: eine Badeleiter, ein Bergegurt, ein Taljensystem oder ein ausklappbares Heck. Überlegt euch vorher, wie ihr eine Person bergen würdet, und probiert es im Hafen einmal aus. Dieser eine Test öffnet vielen die Augen.

Der Ablauf auf einen Blick

PhaseWas zu tun ist
Alarmlaut rufen, ganze Crew alarmieren
MarkierenRettungsboje werfen, MOB-Knopf drücken
Seheneine Person zeigt dauerhaft auf den Verunglückten
Manöverkontrolliert zurück, Annäherung von Lee
Bergungmit Bergehilfe an Bord holen
Versorgenvor Unterkühlung schützen, Notruf wenn nötig

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Üben, üben, üben

Das Mann-über-Bord-Manöver ist kein Wissen, das man einmal liest und ablegt, sondern ein Können, das man pflegt. Werft an einem ruhigen Tag einen Fender über Bord und fahrt das Manöver, mit wechselnden Rudergängern, bei verschiedenen Winden. Übt das Bergen mit einem schweren, nassen Gegenstand. Jede Crew, die das ein paarmal gemacht hat, reagiert im Ernstfall ruhiger und schneller. Diese Übung ist die wichtigste an Bord, und sie gehört zur Sicherheit an Bord wie die Rettungsweste selbst.

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