Moin. Irgendwann trifft es fast jeden. Der Motor bleibt stehen und springt nicht wieder an, der Tank ist leer, oder Du sitzt nach einer Grundberührung fest. Und dann steht die Frage im Raum: Wer zieht mich hier raus, und wie? Schleppen ist eine dieser Fertigkeiten, die man selten braucht, aber dann richtig können muss. Denn falsch gemacht, wird aus einer harmlosen Panne schnell eine gefährliche Situation, für Boot und Crew. Eine gerissene Schleppleine, die zurückpeitscht, hat schon Menschen schwer verletzt. Reden wir also in Ruhe darüber, bevor es ernst wird.

Ob Du selbst schleppst oder geschleppt wirst, ein paar Grundregeln entscheiden über sicher oder brenzlig. Die gehen wir jetzt durch.

Zuerst: Ist es wirklich nötig?

Bevor Du irgendwen an die Leine nimmst, ein kurzer Moment zum Nachdenken. Nicht jede Panne braucht einen Schlepper. Treibst Du in sicherem Wasser, weit weg von Untiefen und Verkehr, ist oft der Anker die bessere erste Wahl. Er stoppt die Drift, verschafft Dir Ruhe und Zeit, das Problem selbst zu lösen. Viele Motorpannen sind in einer halben Stunde behoben, wenn man nicht in Panik verfällt.

Erst wenn Du das Problem nicht selbst lösen kannst und die Lage es erfordert, kommt das Schleppen ins Spiel. Und dann ist die entscheidende Frage, wer schleppt: ein hilfsbereiter Kollege oder ein professioneller Dienst. Das ist wichtiger, als Du vielleicht denkst, und dazu gleich mehr.

Die Schleppleine: das wichtigste Stück

Das Herzstück des ganzen Manövers ist die Leine, und hier werden die meisten Fehler gemacht. Eine Schleppleine muss zwei Dinge können: halten und dämpfen.

  • Lang muss sie sein. Eine lange Leine dämpft die Rucke und gibt beiden Booten Zeit, sich aufeinander einzupendeln. Eine kurze Leine überträgt jeden Ruck hart und reißt viel eher.
  • Elastisch ist gut. Nylon oder eine andere dehnbare Leine wirkt wie ein Gummiband und fängt die Lastspitzen ab. Ein steifes, undehnbares Tau ist gefährlich, weil es keine Reserve hat.
  • An starken Punkten festmachen. Die Leine gehört an die kräftigsten Beschläge an Bord: schwere Klampen, den Mastfuß, einen Poller. Niemals an eine zierliche Reling oder einen kleinen Beschlag, der bei der ersten Last ausreißt und zum Geschoss wird.
  • Die Last verteilen. Wenn möglich, führst Du die Leine über eine Brücke, also von zwei Punkten aus, oder legst sie um ein starkes Bauteil, damit die Kraft nicht an einer einzigen Klampe hängt.

Die wichtigste Sicherheitsregel: Steh niemals in der Verlängerung einer belasteten Schleppleine, und lass niemanden dort stehen. Reißt sie, peitscht sie mit brutaler Wucht zurück. Dieser Bereich ist Sperrzone, für alle an Bord.

Das Manöver: langsam, sanft, ohne Rucke

Ist die Leine sicher fest, kommt es auf die Fahrweise an. Der Schlepper nimmt die Last ganz behutsam auf. Erst die Leine langsam straffen, bis sie leicht steht, dann vorsichtig Fahrt aufnehmen. Kein Vollgas, kein ruckartiges Anfahren. Jeder harte Ruck ist ein Angriff auf die Leine und die Beschläge.

Ist der Zug einmal aufgebaut, fährt der Schlepper eine gleichmäßige, langsame Fahrt. Kursänderungen macht er weich und mit großem Radius, denn das geschleppte Boot folgt träge und braucht Platz. Auf dem geschleppten Boot hält jemand die Leine im Blick und steuert mit, damit das Boot sauber im Kielwasser bleibt und nicht seitlich ausbricht.

In Wellen kommt ein wichtiger Kniff dazu: Die Leine so lang wählen, dass beide Boote möglichst im gleichen Rhythmus über die Wellen gehen. Wenn der eine im Wellental und der andere auf dem Kamm ist, entstehen die schlimmsten Lastspitzen. Länge nimmt hier den Druck raus.

Der Punkt, den keiner auf dem Schirm hat: Hilfe oder Bergung?

Jetzt zu etwas, das im Ernstfall richtig teuer werden kann, und das kaum jemand weiß. Es macht einen gewaltigen rechtlichen Unterschied, ob Dir ein netter Segelkamerad hilft oder ob ein professioneller Berger anrückt. Der Kollege schleppt Dich aus Solidarität in den Hafen, ein Handschlag, vielleicht ein Bier zum Dank. Ein gewerblicher Berger dagegen kann unter Umständen eine Bergungsvergütung verlangen, und die kann empfindlich hoch ausfallen.

Deshalb die klare Empfehlung: Kläre vorher, mit wem Du es zu tun hast und zu welchen Bedingungen geholfen wird. Wenn ein professioneller Schlepper kommt, sprich vorher über die Konditionen, am besten so, dass es eine einfache Schlepphilfe zum vereinbarten Preis ist und keine Bergung mit offener Rechnung. In echter Seenot hilft in Deutschland die Seenotrettung, und die tut das nicht, um Dir eine Rechnung zu schreiben. Aber Seenot ist Lebensgefahr, nicht ein leerer Tank bei schönem Wetter. Diesen Unterschied musst Du kennen.

Anzeige
Panne an Bord vermeiden? Der Bootsdoktor zeigt in echten Werkstatt-Videos, wie Du Deinen Motor zuverlässig hältst.
Zur Sprechstunde →

Wenn Du selbst hilfst

Andersherum kann auch der Tag kommen, an dem Du derjenige bist, der hilft. Das ist gute Seemannschaft, und man hilft einander auf dem Wasser. Aber hilf mit Verstand. Bring Dich und Deine Crew nicht in Gefahr, überschätze Dein eigenes Boot nicht, und mach klare Ansagen. Ein kleines Boot schleppt keinen schweren Verdränger bei Wind und Welle, das überfordert Leine, Beschläge und Motor.

Und wenn die Lage über Deine Möglichkeiten hinausgeht, wenn es gefährlich wird oder Menschen in Not sind, dann ist der richtige Schritt nicht der Heldenmut, sondern der Anruf bei den Profis. Die Seenotretter sind für genau solche Fälle da. Es ist keine Schande, Hilfe zu holen. Es ist die klügste Entscheidung.

Mein Fazit

Schleppen ist Seemannschaft im besten Sinne: Man hilft einander, und man tut es richtig. Eine lange, elastische Leine an starken Punkten, ein sanftes, langsames Manöver ohne Rucke, und die eiserne Regel, sich aus der Schusslinie der Leine herauszuhalten. Damit ist der größte Teil der Gefahr gebannt.

Denk vorher über die Anker-Alternative nach, kläre die Sache mit Hilfe gegen Bergung, und kenne die Grenze zur echten Seenot. Wer diese Dinge im Kopf hat, macht aus einer Panne eine Geschichte für den Hafenabend und keine Katastrophe. Bereite Dich im Kopf darauf vor, solange alles läuft. Dann bist Du bereit, wenn es mal nicht läuft. Leinen los, und pass auf Dich auf.

Weiterlesen: Grundberührung: was nach dem Aufsetzen wirklich zu tun ist

Anzeige

Häufig gestellte Fragen


Wie schleppt man ein Boot richtig?

Mit einer langen, elastischen Leine, die an den stärksten Beschlägen wie schweren Klampen, Poller oder Mastfuß festgemacht ist, niemals an der Reling. Der Schlepper nimmt die Last langsam und ruckfrei auf und fährt gleichmäßige, langsame Fahrt mit weichen Kursänderungen. In Wellen wird die Leine verlängert, damit beide Boote im gleichen Rhythmus laufen.


Warum ist eine Schleppleine so gefährlich?

Weil sie unter enormer Last steht. Reißt sie oder bricht ein Beschlag aus, peitscht die Leine mit großer Wucht zurück und kann schwere Verletzungen verursachen. Deshalb darf niemand in der Verlängerung einer belasteten Schleppleine stehen, dieser Bereich ist für die ganze Crew tabu.


Kostet es etwas, wenn ich geschleppt werde?

Das hängt davon ab, wer hilft. Ein hilfsbereiter Segelkamerad schleppt aus Solidarität, meist gegen ein Dankeschön. Ein gewerblicher Berger dagegen kann eine Bergungsvergütung verlangen, die hoch ausfallen kann. Deshalb vorher die Bedingungen klären. In echter Seenot hilft die Seenotrettung, aber ein leerer Tank bei schönem Wetter ist keine Seenot.