Moin. Frag zehn Leute nach Mallorca, und neun denken an Ballermann und Sonnenbrand. Der zehnte war schon mal mit dem Boot da. Und der lächelt nur. Denn wer die Balearen von der Wasserseite kennt, weiß, dass hier zwei völlig verschiedene Welten existieren. Die eine ist laut und voll. Die andere sind einsame Calas mit türkisem Wasser, steile Steilküsten, in denen nur die Ziegen wohnen, und Ankernächte, die Du nie vergisst. Genau diese zweite Welt schauen wir uns jetzt an.
Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera liegen so günstig, so segelfreundlich und so gut erschlossen, dass die Balearen zu den beliebtesten Charterrevieren des Mittelmeers gehören. Zu Recht. Aber wie überall lohnt es sich, das Revier vorher zu verstehen.
Vier Inseln, vier Charaktere
Das Schöne an den Balearen ist die Vielfalt auf kurzer Distanz. Du kannst in einem Zweiwochentörn Welten erleben, die weiter auseinanderliegen, als es die Seemeilen vermuten lassen.
- Mallorca: die große Schwester und der übliche Ausgangspunkt. Im Nordwesten die dramatische Steilküste der Serra de Tramuntana, im Osten eine Kette traumhafter Calas, im Süden flachere Buchten und die Inselhauptstadt Palma.
- Menorca: die ruhige, grüne Insel. Weniger Trubel, dafür die schönsten Naturhäfen der Balearen und der berühmt-berüchtigte Naturhafen von Mahón. Ein Paradies für alle, die es entschleunigt mögen.
- Ibiza: tagsüber glasklares Wasser und feine Buchten, nachts Party-Insel. Beides geht, man muss nur wissen, wo man ankert.
- Formentera: die kleine Perle südlich von Ibiza. Karibisches Wasser über weißem Sand, geschützte Seegraswiesen und strenge Ankerregeln. Der schönste Ankerplatz der ganzen Gruppe, aber einer mit Auflagen.
Die Distanzen sind angenehm. Von Mallorca nach Menorca sind es je nach Route rund 25 bis 30 Seemeilen, nach Ibiza etwas mehr. Alles gut machbare Tagesschläge, die Dir Zeit zum Ankern und Genießen lassen.
Die beste Reisezeit
Die Saison auf den Balearen ist lang und großzügig. Trotzdem gibt es klare Unterschiede.
- Mai, Juni und September: die Königsmonate. Warmes Wasser, angenehme Lufttemperaturen, verlässlicher Wind und noch nicht die geballte Hochsaison. Wenn Du wählen kannst, segle jetzt.
- Juli und August: Hochsaison mit allem, was dazugehört. Heiß, voll, die beliebten Ankerbuchten am Nachmittag rappelvoll. Dafür stabiles Wetter. Wer jetzt fährt, ist früh in der Bucht oder weicht auf weniger bekannte Plätze aus.
- Oktober: oft noch mild und ruhig, aber die Saison klingt aus, und die ersten Herbsttiefs sind möglich.
Der Wind: Tramuntana und der tägliche Seewind
Damit Du das Revier richtig einschätzt, musst Du zwei Winde kennen. Der eine ist Deine tägliche Brise, der andere Dein gelegentlicher Gegner.
Der Embat ist der thermische Seewind, der an sonnigen Sommertagen entsteht. Am Vormittag baut er sich auf, mittags weht er angenehm mit drei bis vier Windstärken, abends schläft er wieder ein. Das ist Segeln wie aus dem Bilderbuch, verlässlich und gutmütig.
Der andere ist die Tramuntana, ein kräftiger Nordwind, der von der Küste Kataloniens herüberfegt. Sie ist der große Bruder des Mistrals und kann die Nordküste Mallorcas ordentlich aufmischen. Wenn die Tramuntana angesagt ist, suchst Du Schutz an der Süd- oder Ostküste und wartest sie aus. Ein Blick in den Wetterbericht am Morgen gehört hier einfach dazu.

Bild: KI-generiert
Die schönsten Ankerplätze
Jetzt zum Herzstück, den Buchten. Die Balearen leben vom Ankern, und die Auswahl ist gewaltig. Ein paar Klassiker, die Du nicht verpassen solltest.
An Mallorcas Ostküste reiht sich Cala an Cala. Die Cala Mondragó und die Cales de Santanyí sind Postkartenmotive, feiner Sand, klares Wasser, Pinien bis an die Kante. Im Nordosten lockt die weite Bucht von Pollença mit Schutz und Bergkulisse. An der wilden Westküste, unter den Klippen der Tramuntana, ankerst Du an Plätzen wie der Cala de Deià mit einem Panorama, das den Atem nimmt.
Menorca setzt noch einen drauf. Die Cala Macarella und die Cala Turqueta gehören zu den schönsten Stränden des ganzen Mittelmeers. Und dann ist da der Naturhafen von Mahón, einer der größten und geschütztesten Naturhäfen der Welt. Da fährst Du ein wie in eine andere Zeit.
Cabrera: der Nationalpark im Süden
Südlich von Mallorca liegt ein kleiner Archipel, der unter strengem Schutz steht: der Nationalpark Cabrera. Unberührte Natur, kristallklares Wasser, eine Vogel- und Unterwasserwelt, wie es sie sonst kaum noch gibt. Ankern und Übernachten sind hier nur an ausgewiesenen Mooringbojen und nur mit einer vorab beantragten Genehmigung erlaubt. Die Zahl der Plätze ist begrenzt.
Der Aufwand lohnt sich. Eine Nacht an der Boje vor Cabrera, mit nichts als dem Zirpen und dem Sternenhimmel, ist eines der intensivsten Erlebnisse, die dieses Revier zu bieten hat. Kümmere Dich früh um die Genehmigung, die Nachfrage ist groß.
Seegras schützen: die wichtigste Regel
Ein Thema, das auf den Balearen inzwischen ganz oben steht: die Posidonia, das Neptungras. Diese Seegraswiesen sind das Ökosystem, das dem Wasser seine berühmte Klarheit gibt, und sie stehen unter Schutz. Ankern darf man hier nur auf sandigem Grund, niemals auf dem Gras.
Das ist keine Empfehlung, das wird kontrolliert, und die Bußgelder sind empfindlich. Zum Glück ist die Regel leicht einzuhalten. Auf Sand erkennst Du den hellen, freien Grund unter Dir, das dunkle Grün lässt Du in Ruhe. Viele Buchten haben inzwischen Umweltbojen, die Du gegen Gebühr nutzt. Wer das beherzigt, sorgt dafür, dass diese Buchten auch in zehn Jahren noch so aussehen wie heute.
Palma als Basis
Die meisten Törns starten in Palma, und das aus gutem Grund. Der Flughafen ist bestens angebunden, die Charterflotte riesig, und die Stadt selbst ist eine Reise wert. Die gotische Kathedrale La Seu, die direkt am Wasser aufragt, ist einer der schönsten Anblicke, mit denen ein Törn beginnen kann.
Von Palma aus hast Du die Wahl. Nach Osten zu den Calas, nach Süden Richtung Cabrera, oder der große Sprung nach Menorca und Ibiza. Nimm Dir für die Rückgabe einen Puffertag. Die Tramuntana hält sich nicht an Flugpläne, und ein Tag Reserve nimmt den Druck aus dem letzten Schlag.
Ein ehrliches Wort zum Wasser
Eine Sache noch, die zu diesem Revier gehört, auch wenn sie selten ist. In den Häfen der Balearen und besonders im menorquinischen Ciutadella kann eine seltsame Welle auftreten, die Rissaga. Das ist ein Meteotsunami, eine plötzliche, wetterbedingte Schwankung des Wasserstands, die in einem engen Hafen Boote von den Leinen reißen kann. Sie ist kein Grund zur Panik, aber ein Grund, bei entsprechender Wetterlage lange Leinen zu fahren und wachsam zu sein. Wie so ein Phänomen entsteht und wie Du Dein Boot dagegen sicherst, haben wir gesondert aufgeschrieben.
Mein Fazit
Die Balearen sind der Beweis, dass ein bekanntes Revier trotzdem ein großartiges sein kann. Wer den Massentourismus an Land lässt und mit dem Boot loszieht, findet ein Segelrevier mit gutmütigem Wind, kurzen Schlägen, traumhaften Ankerbuchten und genug Abwechslung für zwei Wochen und mehr. Halte Dich an die Seegrasregel, respektiere die Tramuntana, und diese Inseln geben Dir das Mittelmeer von seiner schönsten Seite.
Fahr im Juni oder September, starte in Palma, und plane Cabrera früh. Dann wird das ein Törn, von dem Du noch im Winter schwärmst. Leinen los.
Weiterlesen: Sardinien und Korsika: Törnplanung fürs Top-Revier und Meteotsunami und Rissaga: So sicherst Du Dein Boot
Häufig gestellte Fragen
Wann ist die beste Reisezeit für einen Törn auf den Balearen?
Mai, Juni und September sind ideal: warmes Wasser, angenehme Temperaturen, verlässlicher Wind und weniger Trubel als im Hochsommer. Juli und August sind stabil, aber heiß und voll, die beliebten Ankerbuchten füllen sich am Nachmittag schnell.
Darf man auf den Balearen überall ankern?
Nein. Die geschützten Posidonia-Seegraswiesen dürfen nicht beankert werden, geankert wird nur auf sandigem Grund. Das wird kontrolliert und Verstöße sind teuer. Viele Buchten bieten kostenpflichtige Umweltbojen. Für den Nationalpark Cabrera braucht man eine Genehmigung und eine vorab reservierte Boje.
Welche Winde muss ich auf den Balearen kennen?
Zwei. Der Embat ist der angenehme thermische Seewind, der an Sommertagen mittags mit drei bis vier Windstärken weht. Die Tramuntana ist ein kräftiger Nordwind, der die Nordküste aufmischt. Bei angesagter Tramuntana sucht man Schutz an der Süd- oder Ostküste.
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