Moin. Die Ostsee verzeiht Dir vieles. Du legst irgendwo an, machst fest, und am nächsten Morgen liegt Dein Boot noch genauso da. In der Nordsee kann dieselbe Nachlässigkeit dazu führen, dass Dein Boot morgens schräg im Schlick liegt und die Fender in der Luft baumeln. Der Unterschied heißt Gezeiten. Und wer von der Ostsee in echte Tidengewässer aufbricht, muss dieses Spiel verstehen. Nicht aus Angst, sondern weil es Dir eine ganze Welt neuer Reviere öffnet.

Gezeiten wirken auf den ersten Blick kompliziert. Sind sie aber nicht. Es ist ein Rhythmus, so verlässlich wie ein Uhrwerk, und wenn Du ihn einmal begriffen hast, planst Du damit statt gegen ihn. Fangen wir vorne an.

Was Ebbe und Flut überhaupt macht

Der Motor hinter den Gezeiten ist die Anziehungskraft von Mond und Sonne. Der Mond zieht das Wasser der Ozeane ein Stück zu sich hin, und dadurch entsteht ein Wasserberg. Weil die Erde sich unter diesem Berg wegdreht, wandert er einmal um den Globus. Für Dich am Steg heißt das: Das Wasser steigt und fällt, und zwar zweimal am Tag.

Der komplette Rhythmus dauert rund zwölf Stunden und 25 Minuten. Erst läuft das Wasser etwa sechs Stunden auf, das ist die Flut. Dann steht es kurz still, der Punkt heißt Hochwasser. Danach läuft es rund sechs Stunden ab, das ist die Ebbe, bis zum Niedrigwasser. Und weil sich das jeden Tag um knapp eine Stunde verschiebt, ist Hochwasser nie zur selben Uhrzeit. Genau deshalb brauchst Du eine Tabelle und kannst Dich nicht auf Dein Gefühl verlassen.

Springtide und Nipptide: warum der Hub schwankt

Jetzt kommt der Teil, den viele Einsteiger überrascht. Der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, der sogenannte Tidenhub, ist nicht jeden Tag gleich groß.

Stehen Sonne und Mond in einer Linie, bei Vollmond und bei Neumond, dann addieren sich ihre Kräfte. Das Wasser steigt besonders hoch und fällt besonders tief. Das ist die Springtide, der größte Hub. Stehen Sonne und Mond dagegen im rechten Winkel, bei Halbmond, schwächen sie sich gegenseitig. Der Hub ist dann am kleinsten. Das ist die Nipptide.

Warum ist das für Dich wichtig? Weil eine Bucht, in der Du bei Nipptide bequem ankerst, bei Springtide plötzlich trockenfallen kann. Der Unterschied ist an manchen Orten dramatisch.

Der Tidenhub ist eine Frage des Ortes

Und hier wird es richtig spannend, denn kein Revier ist wie das andere. Die reine Ozeanwelle wäre überall etwa gleich, aber Küstenform, Wassertiefe und Trichterwirkung machen aus ihr an jedem Ort etwas anderes.

  • Ostsee: praktisch keine Gezeiten. Ein paar Zentimeter, mehr durch Wind als durch den Mond. Hier lernst Du das Segeln ohne Tide.
  • Deutsche Nordseeküste und Wattenmeer: ordentlicher Hub von grob zwei bis drei Metern und mehr. Ganze Wattflächen fallen trocken und tauchen wieder auf.
  • Ärmelkanal und Atlantikküste: hier wird es ernst. In der Bretagne oder im Kanal sind Hübe von acht, zehn Metern und mehr normal. Ein Hafen, der bei Hochwasser tief ist, liegt bei Niedrigwasser komplett trocken.

Das ist keine Spielerei, das ist Planungsgrundlage. Wer im Kanal oder in der Bretagne unterwegs ist, richtet seinen ganzen Tag nach der Tide aus. Nicht andersherum.

Der heimliche Chef: der Gezeitenstrom

So, jetzt kommt der Punkt, den die meisten unterschätzen. Es geht bei Gezeiten nicht nur um die Wassertiefe unter Deinem Kiel. Es geht um den Strom. Wenn all dieses Wasser zweimal am Tag rein und raus läuft, dann bewegt es sich. Und zwar mit Wucht.

In manchen Engen und vor manchen Kaps läuft der Gezeitenstrom mit drei, vier Knoten oder mehr. Rechne das mal gegen: Wenn Dein Boot fünf Knoten durchs Wasser macht und Dir vier Knoten Strom entgegenkommen, dann machst Du über Grund gerade noch einen Knoten. Du kriechst. Läuft der Strom dagegen mit Dir, fliegst Du mit neun Knoten dahin, ohne mehr Segel oder mehr Gas.

Das ist die eigentliche Kunst in Tidengewässern: den Strom als Verbündeten nutzen. Erfahrene Crews legen ab, wenn der Strom in ihre Richtung kippt, und lassen sich ein Stück weit tragen. Wer gegen den Strom anrennt, verbrennt Zeit, Sprit und Nerven.

Die Gezeitentabelle lesen

Zum Glück musst Du nichts davon selbst ausrechnen. Für jeden relevanten Hafen gibt es Gezeitentabellen, gedruckt im Törnführer, im Nautischen Jahrbuch oder in jeder guten App. Dort stehen für jeden Tag die Zeiten und Höhen von Hoch- und Niedrigwasser. Das ist Deine Fahrplanauskunft für das Wasser.

Für die Frage, wie viel Wasser zu einer bestimmten Zwischenzeit unter Dir steht, gibt es eine schöne Faustformel, die Zwölftelregel. Sie verteilt den Tidenhub grob auf die sechs Stunden: In der ersten Stunde nach Niedrigwasser steigt das Wasser um ein Zwölftel des Hubs, in der zweiten um zwei, in der dritten und vierten um je drei, dann wieder zwei und zum Schluss ein Zwölftel. Merke Dir das Muster eins, zwei, drei, drei, zwei, eins. In der Mitte der Tide bewegt sich das Wasser am schnellsten, an den Wendepunkten fast gar nicht.

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So planst Du Deinen ersten Tidentörn

Genug Theorie, machen wir es praktisch. Wenn Du zum ersten Mal in echte Gezeitengewässer aufbrichst, dann arbeitest Du diese Punkte ab, und die halbe Angst ist weg.

  • Tidenkalender besorgen für Dein Revier und die Zeiten von Hoch- und Niedrigwasser für Deine Törntage heraussuchen.
  • Ablegen mit dem Strom planen, nicht dagegen. Der richtige Zeitpunkt spart Dir Stunden.
  • Wassertiefe im Ziel prüfen. Kommst Du bei Niedrigwasser überhaupt in den Hafen, oder musst Du das Hochwasser abwarten? Manche Häfen erreichst Du nur in einem schmalen Zeitfenster.
  • Genug Reserve unterm Kiel einplanen, gerade bei Springtide. Lieber einen halben Meter zu viel als eine Grundberührung.
  • Fest vertäuen mit Reserve. An der Pier fällt Dein Boot womöglich mehrere Meter. Die Leinen müssen lang genug sein, damit sie das mitmachen.

Aus Respekt wird Routine

Gezeiten sind kein Grund, an der Ostsee zu bleiben. Sie sind der Schlüssel zu den schönsten Revieren, die Europa zu bieten hat. Das Wattenmeer, die Bretagne, die englische Südküste, alles Tidenreviere von großem Reiz. Wer den Rhythmus einmal verinnerlicht hat, für den wird aus dem anfänglichen Respekt schnell Routine.

Der Trick ist am Ende ganz einfach: Plane mit dem Wasser, nicht gegen es. Lass Dich vom Strom tragen, nutze das Hochwasser für die kniffligen Häfen, und rechne beim Anlegen immer den Fall mit ein. Dann ist die Tide kein Gegner mehr, sondern der verlässlichste Verbündete, den Du auf dem Wasser haben kannst. Leinen los, aber diesmal zur richtigen Stunde.

Weiterlesen: Mit der Tide nach Hamburg und Niederlande: IJsselmeer und Wattenmeer

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Häufig gestellte Fragen


Warum gibt es in der Ostsee kaum Gezeiten, in der Nordsee aber schon?

Die Ostsee ist ein fast geschlossenes Binnenmeer mit nur schmaler Verbindung zum Atlantik, deshalb bleibt die Tidenwelle winzig. Die Nordsee ist zum Atlantik hin offen und trichterförmig, so baut sich ein Hub von mehreren Metern auf. In der Ostsee macht der Wind mehr aus als der Mond.


Was ist die Zwölftelregel?

Eine Faustformel für den Wasserstand zwischen Niedrig- und Hochwasser. Der Tidenhub verteilt sich auf sechs Stunden im Muster ein, zwei, drei, drei, zwei, ein Zwölftel. In der Tidenmitte steigt oder fällt das Wasser am schnellsten, an Hoch- und Niedrigwasser fast gar nicht.


Was ist wichtiger, Wassertiefe oder Gezeitenstrom?

Beides, aber der Strom wird oft unterschätzt. In Engen kann er mehrere Knoten erreichen und Deine Geschwindigkeit über Grund halbieren oder verdoppeln. Erfahrene Crews planen das Ablegen so, dass der Strom sie trägt, statt gegen ihn anzukämpfen.