Moin. Es gibt Segel, die man benutzt, und Segel, in die man sich verliebt. Der Gennaker gehört in die zweite Kategorie. Dieses riesige, bunte Tuch verwandelt jeden lauen Sommertag mit raumem Wind in ein Fest und jedes brave Fahrtenschiff in einen Renner. Trotzdem bleibt er auf vielen Booten jahrelang im Sack, aus Respekt, aus Unsicherheit, aus „machen wir irgendwann mal“.
Schluss damit. Der Gennaker ist kein Hexenwerk, er ist ein Werkzeug mit klaren Regeln. Was die Unterschiede der Vorsegel sind, haben wir in der Segelkunde geklärt. Heute geht es um die Praxis: setzen, fahren, bergen, und zwar so, dass es beim ersten Mal klappt.
Wann der Gennaker sein Revier hat
Der Gennaker ist ein Raumwind-Segel: Sein Bereich liegt grob zwischen 80 und 150 Grad zum wahren Wind, sein Lieblingswind zwischen 5 und 15 Knoten. Darunter hängt er durch, darüber wird er für Einsteiger schnell eine Handvoll. Und genau da liegt die goldene Regel für Deine ersten Versuche: Übe bei 8 bis 10 Knoten Wind und glattem Wasser. Nicht bei 4 (frustrierend), nicht bei 18 (sportlich bis unfreiwillig komisch). Dazu freies Wasser in Lee und eine Crew, die weiß, was gleich passiert.
Setzen: Ruhe schlägt Tempo
Das Standard-Setup für Fahrtensegler ist der Gennaker mit Bergeschlauch, dem langen Stoffschlauch mit Ring. Er macht aus dem wilden Tuch ein handzahmes Paket und ist jeden Euro wert. So läuft das Setzen:
- Vorbereiten im Hafen oder auf ruhigem Kurs: Gennakersack an Deck festmachen, Hals am Bugbeschlag oder Spriet anschlagen, Fall in den Kopf, Schoten außen um alles herum nach achtern. Der Klassiker unter den Fehlern ist eine Schot, die innen durchs Vorstag läuft. Einmal in Ruhe kontrollieren spart später Kabarett auf dem Vorschiff.
- Abfallen auf tiefen Raumwindkurs: Im Windschatten des Großsegels ist der Gennaker beim Hochziehen entlastet. Jetzt den Schlauch mit dem Fall komplett durchsetzen, das Segel hängt noch im Strumpf.
- Schlauch hochziehen, Schot dichtnehmen: Bergeleine ziehen, der Schlauch rutscht nach oben, das Tuch entfaltet sich, Schot dicht, und der Gennaker steht. Wenn alles vorbereitet war, dauert der Moment vom Strumpf zum stehenden Segel keine 20 Sekunden.
Fahren und Trimmen: die Kante zum Einklappen
Der Gennaker wird über die Schot getrimmt, und die Regel ist herrlich einfach: Fieren, bis die Luvkante gerade eben einklappt, dann eine Handbreit dichtnehmen. Das wiederholst Du permanent, denn Wind und Kurs ändern sich ständig. Ein zu dicht gefahrener Gennaker ist der häufigste Fehler: Er sieht stabil aus, bremst aber und macht das Boot luvgierig. Die Faustregeln fürs Fahren:
- Rudergänger und Trimmer arbeiten zusammen: Fällt der Druck ein, etwas anluven; wird es zu viel, abfallen. Kleine Korrekturen, keine Kurbelei. Wie das Zusammenspiel grundsätzlich funktioniert, steht in den Segeltrimm-Grundlagen.
- Böen mit Abfallen beantworten: Kommt Druck, geh mit dem Bug tiefer, das nimmt Last aus dem Segel und verwandelt die Böe in Speed statt in Krängung. Genau andersherum als beim Amwind-Segeln, und der Punkt, den Einsteiger üben müssen.
- Frühzeitig bergen: Die alte Regatta-Weisheit gilt doppelt für Fahrtensegler: Wenn Du zum ersten Mal ans Bergen denkst, ist der richtige Moment schon da. Über 15 Knoten wahrer Wind ist für die erste Saison nichts mehr zu beweisen.
Bergen: im Windschatten wird das Tuch zahm
Geborgen wird auf tiefem Kurs, das Großsegel als Windschatten-Spender: Schot auffieren, bis der Gennaker entlastet einfällt, dann den Bergeschlauch zügig herunterziehen, dabei das Fall kontrolliert mitfieren. Wichtig ist die Reihenfolge und eine Person, die das Fall bedient, während die zweite den Schlauch zieht. Nicht hektisch reißen: Ein klemmender Schlauch löst sich mit einem kurzen Anluven oder Nachfieren der Schot fast immer von selbst. Und die Halse? Die ist mit Gennaker anspruchsvoller als die normale Halse: Für die ersten Male gilt der Einsteiger-Trick, vor der Halse zu bergen und auf dem neuen Bug neu zu setzen. Kostet zwei Minuten, erspart Zirkus.
Mein Fazit: Das schönste Segel verdient einen Termin
Der Gennaker ist wie ein Muskel: Er wächst mit der Benutzung. Also mach einen Termin daraus: nächster Sommertag, 8 bis 10 Knoten, zwei Stunden freies Wasser, Crew gebrieft. Nach drei Übungsrunden aus Setzen, Trimmen und Bergen hast Du den Ablauf im Blut, und ab dann fragt niemand mehr, ob der bunte Sack mit an Bord kommt. Dann fragt die Crew nur noch: „Wann ziehen wir ihn hoch?“ Genau so soll es sein. Leinen los und viel Spaß mit dem großen Tuch!
Häufig gestellte Fragen
Bei
Ideal sind 8 bis 10 Knoten wahrer Wind bei glattem Wasser. Unter 5 Knoten steht das Segel nicht stabil, über 15 Knoten werden Setzen, Trimmen und Bergen für Einsteiger schnell anspruchsvoll. Der Einsatzbereich liegt grob zwischen 80 und 150 Grad zum wahren Wind.
Was
Ein langer Stoffschlauch mit Ring, in dem der Gennaker gesetzt und geborgen wird. Zum Setzen wird der Schlauch nach oben gezogen und gibt das Tuch frei, zum Bergen wird er über das entlastete Segel heruntergezogen. Für Fahrtensegler ist er die wichtigste Vereinfachung im Gennaker-Handling.
Wie
Die Schot so weit fieren, bis die Luvkante des Segels gerade eben einklappt, dann eine Handbreit dichtnehmen und diesen Vorgang laufend wiederholen. Ein dauerhaft zu dicht gefahrener Gennaker bremst und macht das Boot luvgierig. In Böen abfallen statt festhalten.
Wie
Für Einsteiger am einfachsten: vor der Halse den Gennaker im Bergeschlauch bergen, normal halsen und auf dem neuen Bug neu setzen. Die durchgehende Gennaker-Halse (Innen- oder Außenhalse) erfordert Timing und eingespielte Crew und kommt sinnvollerweise erst nach einigen Übungsschlägen.
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