Moin. Die Stürme, die Booten in Nord- und Ostsee wirklich gefährlich werden, kommen selten im August. Sie kommen ab Ende September, sie kommen angekündigt, und sie treffen trotzdem jedes Jahr Boote, deren Eigner drei Tage Zeit gehabt hätten.
Der Grund ist fast immer derselbe: Das Boot lag so, wie es den ganzen Sommer gelegen hat. Und der Sommer verzeiht, was der Herbst nicht verzeiht.
Was im Herbst anders ist
Drei Dinge kommen zusammen, und jedes für sich wäre beherrschbar.
Der Wind dreht. Eine Box, die bei Sommerwind aus West geschützt liegt, kann bei einem Sturm aus Nordost genau falsch stehen. Schau nach, aus welcher Richtung es angesagt ist, nicht aus welcher es sonst weht.
Das Wasser steht anders. An der Ostsee drückt anhaltender Wind aus Nordost Wasser in die Buchten, und an der Nordsee kommt zur Tide der Windstau dazu. Steigt der Pegel deutlich, sind Deine Leinen plötzlich zu kurz und ziehen das Boot an den Steg.
Niemand ist da. Im August liegen die Nachbarn an Bord und werfen ein Auge drauf. Im Oktober liegt der Steg leer, und was nachts um drei passiert, sieht bis zum Wochenende keiner.
Leinen: länger, doppelt, gepolstert
Das ist der Teil, an dem sich alles entscheidet, und es kostet Dich zwanzig Minuten.
- Lange Leinen. Je länger die Leine, desto mehr Dehnung nimmt sie auf und desto weniger reißt sie am Beschlag. Kurze, straffe Leinen sind Kraftübertragung ohne Puffer.
- Doppelt legen. Jede tragende Leine bekommt eine zweite dazu, und zwar auf einen anderen Poller und mit anderer Länge. Wenn eine reißt, hält die andere, und sie reißen nicht gleichzeitig, wenn sie unterschiedlich lang sind.
- Ruckdämpfer an den Hauptleinen, oder wenigstens genug Länge, dass die Leine arbeiten kann.
- Scheuerschutz an jeder Kante. Ein Sturm dauert Stunden. Eine Leine, die auf einer Kante schamfilt, hält das nicht durch, und sie reißt genau dann, wenn es am schlimmsten ist.
- Fender tiefer und mehr. Bei steigendem Wasser wandert das Boot nach oben. Fender, die im Normalstand perfekt sitzen, hängen dann über der Kante.
Eine Sturmleine ist keine straffe Leine. Sie ist eine lange Leine mit Luft zum Arbeiten und einer zweiten daneben.
Was von Deck runter muss
Alles, was Wind fängt, zieht am Boot. Und alles, was sich löst, wird zum Geschoss für die Nachbarn.
- Rollgenua sichern, nicht nur einrollen. Eine Genua, die sich im Sturm ausrollt, zerlegt sich selbst und reißt das Boot an den Leinen hin und her. Zusätzlich mit einer Leine umwickeln oder abnehmen.
- Sprayhood und Bimini abnehmen oder wenigstens flachlegen. Sie sind Segelfläche, mehr nicht.
- Beiboot an Land, nicht am Heck.
- Alles Lose weg: Flaggen, Kissen, Solarpaneele, was nicht verschraubt ist.
- Die Bilgenpumpe prüfen und die Batterie, die sie versorgt. Bei anhaltendem Regen und Spritzwasser ist sie das Einzige, was arbeitet, während Du zu Hause sitzt.
Die ehrliche Frage: rausholen oder liegen lassen?
Wenn Dein Krantermin ohnehin in den nächsten zwei Wochen liegt und ein schwerer Sturm angesagt ist, ruf im Hafen an und frag, ob es früher geht. Ein Boot an Land in einem geschützten Lager hat kein Leinenproblem.
Wenn das nicht geht, ist die zweitbeste Lösung ein besserer Platz. Frag den Hafenmeister, ob Du für die Sturmnächte in eine geschütztere Box umziehen kannst. Im Herbst sind Plätze frei, und die meisten Häfen sind da unkompliziert, wenn man vorher fragt.
Und wenn beides nicht geht: Fahr hin. Nicht während des Sturms, sondern davor. Zwanzig Minuten Leinenarbeit bei Windstärke vier sind etwas völlig anderes als der Versuch, bei acht noch etwas zu retten.
Wenn doch etwas passiert
Fotografiere den Zustand, bevor Du aufräumst. Das ist der häufigste Fehler nach einem Sturmschaden: Erst wird gerettet und geordnet, und danach fehlen die Bilder, die zeigen, wie es aussah.
Melde den Schaden zügig und sag ehrlich, wie das Boot gelegen hat. Wie der Versicherungsfall danach abläuft, haben wir hier im Detail beschrieben.
Weiterlesen: Sturmschaden am Boot: so läuft der Versicherungsfall richtig
Der letzte Gedanke gehört den Nachbarn. Ein Boot, das sich losreißt, beschädigt selten nur sich selbst. Wer seine Leinen ordentlich legt, tut das nicht nur für sich, sondern für den ganzen Steg. Und wer im Oktober sieht, dass beim Nachbarn etwas schlackert, ruft ihn an. Das ist die Sorte Seemannschaft, die im Hafen anfängt.
Häufig gestellte Fragen
Wie sichere ich mein Boot vor einem Herbststurm?
Lange Leinen statt straffer, jede tragende Leine doppelt und auf unterschiedliche Poller gelegt, Scheuerschutz an jeder Kante, mehr und tiefer gehängte Fender. Dazu alles von Deck nehmen, was Wind fängt, und die Rollgenua zusätzlich sichern.
Warum sind kurze Leinen bei Sturm gefährlich?
Weil sie keine Dehnung aufnehmen. Die Kräfte gehen dann direkt auf Beschläge und Klampen. Eine lange Leine arbeitet und puffert die Rucke ab, besonders wenn zusätzlich ein Ruckdämpfer eingesetzt wird.
Was ändert sich im Herbst gegenüber dem Sommer?
Die Windrichtung, sodass eine sonst geschützte Box plötzlich falsch liegt. Der Wasserstand durch Windstau in der Ostsee und Windstau plus Tide in der Nordsee. Und die Tatsache, dass am Steg niemand mehr ist, der nachts etwas bemerkt.
Was mache ich nach einem Sturmschaden zuerst?
Fotografieren, bevor Du aufräumst. Ohne Bilder vom ursprünglichen Zustand wird die Schadensregulierung schwierig. Erst danach sichern und aufklaren, dann den Schaden zügig melden.
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