Moin. Die Frage kommt jedes Frühjahr, und sie kommt immer in derselben Form: „Kann ich ein Hausboot mieten, ohne einen Bootsführerschein zu haben?“
Ja. Aber nicht überall, nicht mit jedem Boot und nicht ohne Gegenleistung. Der Weg heißt Charterschein, steht seit dem 1. Mai 2000 im Gesetz, und er ist deutlich enger gefasst, als die Prospekte vermuten lassen.
Wer das vorher weiß, bucht das richtige Revier und ärgert sich hinterher nicht. Wer es nicht weiß, steht im Zweifel mit einer Woche Urlaub vor einer Wasserstraße, auf die er gar nicht darf.
Was der Charterschein ist, und was er nicht ist
Der amtliche Name lautet Charterbescheinigung. Geregelt ist sie in Paragraf 9 der Binnenschifffahrt-Sportbootvermietungsverordnung, und das Prinzip ist simpel: Der Vermieter übernimmt die Verantwortung dafür, dass Du das Boot bedienen kannst. Er weist Dich ein, er stellt die Bescheinigung aus, und er haftet gemeinsam mit Dir.
Deshalb ist die Einweisung auch keine Formsache. Die Verordnung schreibt mindestens drei Stunden vor, durchgeführt von jemandem, der selbst mindestens den Sportbootführerschein Binnen besitzt und das Revier kennt. Theorie und Praxis, beides schriftlich bestätigt, von beiden Seiten unterschrieben.
Und jetzt der Teil, den viele überlesen: Die Bescheinigung ist kein Führerschein. Sie gilt für dieses eine Boot, auf dieser einen Wasserstraße, für diesen einen Mietzeitraum. Nächstes Jahr, anderes Revier, alles von vorn. Der Vermieter muss eine Kopie sechs Monate aufbewahren und den Behörden auf Verlangen vorlegen.
Die Auflagen, schwarz auf weiß
| Auflage | Wert | Woher |
|---|---|---|
| Bootslänge | unter 15 Meter | Verordnung, Paragraf 9 |
| Feste Schlafplätze an Bord | Pflicht | Verordnung, Anlage 6 |
| Einweisung | mindestens 3 Stunden | Verordnung, Anlage 4 |
| Gültigkeit | nur für Boot, Revier und Mietzeit | Verordnung, Paragraf 9 |
| Mindestalter | 18 Jahre | Charterpraxis |
| Höchstgeschwindigkeit | in der Regel 12 km/h | Revierregeln |
| Personen an Bord | meist maximal 12 | Revierregeln, Bootszulassung |
| Nachtfahrt | verboten | Revierregeln |
Der Unterschied in der rechten Spalte ist wichtiger, als er aussieht. Länge, Schlafplätze und Einweisungsdauer stehen wörtlich in der Verordnung. Tempo, Personenzahl und Nachtfahrverbot ergeben sich aus den Regeln der einzelnen Wasserstraße und aus Deinem Chartervertrag. Frag danach, bevor Du unterschreibst, statt Dich auf eine Faustregel aus dem Internet zu verlassen.
Auf einigen Strecken kommen zusätzliche Auflagen dazu, die direkt in der Verordnung stehen. Auf der Müritz-Elde-Wasserstraße und der Stör-Wasserstraße gilt Fahrverbot ab Windstärke 4, dazu Fahrrinnenbindung, Rettungswestenpflicht und telefonische Meldungen. Auf dem Kummerower See in der Peene greift ebenfalls eine Windbeschränkung. Und die Havel-Oder-Wasserstraße darfst Du nur queren, wenn dort kein Fahrzeug in Sicht ist.
Wo Du fahren darfst: die vollständige Liste
Fast jeder Artikel zu diesem Thema nennt die Mecklenburgische Seenplatte und hört dann auf. Das ist zu kurz gesprungen. Anlage 5 der Verordnung führt zwölf Wasserstraßen auf, und drei davon liegen weit weg von Mecklenburg.
- Müritz-Elde-Wasserstraße mit Stör-Wasserstraße
- Müritz-Havel-Wasserstraße, Kilometer 0,0 bis 31,18
- Obere Havel-Wasserstraße, Kilometer 43,95 bis 94,41
- Untere Havel-Wasserstraße
- Havel-Oder-Wasserstraße mit Oranienburger Kanal, Oranienburger Havel, Finowkanal und den Werbelliner Gewässern
- Dahme-Wasserstraße, Kilometer 10,30 bis 26,04
- Spree-Oder-Wasserstraße
- Rüdersdorfer Gewässer
- Peene, Kilometer 2,50 bis 98,16
- Lahn, Kilometer 70 bis 137,07
- Saale
- Saar
Lahn, Saale und Saar. Das sind Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und das Saarland. Wer aus dem Westen oder Süden kommt, muss für seinen ersten Hausbooturlaub also nicht zwingend sechs Stunden nach Norden fahren.
Die Lahn zwischen Gießen und Lahnstein ist dabei mein persönlicher Geheimtipp für Einsteiger. Enge, grüne Flusslandschaft, viele kleine Schleusen zum Üben, Limburg und Weilburg als Etappenziele. Wer dort eine Woche fährt, hat mehr gelernt als auf jedem offenen See.
Die drei Reviertypen, ehrlich sortiert
Mecklenburg und Brandenburg sind das größte zusammenhängende Netz und die erste Wahl, wenn Du Weite willst. Müritz, Kleinseenplatte, Rheinsberg, Fürstenberg. Dafür ist im Juli und August richtig etwas los, und die Charterflotten sind früh ausgebucht. Auf der Müritz selbst gelten strengere Regeln als auf den kleinen Seen dahinter.
Die Lahn ist das Gegenteil: klein, geschützt, überschaubar, mit einem Schleusentakt, der den Tag strukturiert. Ideal für die erste Woche und für Familien mit kleinen Kindern.
Saale und Saar sind die ruhigsten der drei. Weniger Charterbetriebe, weniger Auswahl, dafür fährst Du auch in der Hochsaison nicht in einer Kolonne.
Das Hausboot ist die entschleunigte Art zu reisen. Du fährst Schritttempo, Dein Hotel kommt mit, und der Weg ist diesmal wirklich das Ziel.
Die zweite Tür: die 15-PS-Regel
Der Charterschein ist nicht der einzige Weg. Auf deutschen Binnengewässern darfst Du Motorboote bis 11,03 Kilowatt, also umgerechnet 15 PS, ohne Führerschein fahren. Das ist keine Charterregel, sondern gilt generell.
Für ein richtiges Hausboot reicht das selten, dafür sind die Kisten zu schwer. Für ein kleines Kajütboot oder ein Wochenende auf einem See ist es aber die unkomplizierteste Lösung überhaupt. Und Achtung: Auf dem Rhein und einigen anderen Strecken gelten Sonderregeln, die diese Freiheit wieder einkassieren.
Weiterlesen: Führerscheinfrei bis 15 PS: was wirklich erlaubt ist
Und im Ausland?
Niederlande. Das entspannteste Revier Europas für Einsteiger. Ohne Führerschein fahren darfst Du Boote unter 15 Metern, die nicht schneller als 20 km/h laufen. Das deckt praktisch jedes Charterhausboot ab. Dichtes Netz aus Kanälen, Seen und Städten, überall Anleger.
Frankreich. Auf den Kanälen im Burgund, im Elsass, im Canal du Midi oder in der Bretagne bekommst Du beim Vermieter eine Einweisung und fährst danach ohne staatlichen Schein. Das französische Kanalnetz ist das größte Europas, die Schleusen sind Teil des Erlebnisses, und das Tempo liegt oft noch unter dem deutschen.
Polen, Masurische Seenplatte. Führerscheinfrei bis 13 Meter Länge und 15 km/h, dazu eine Einweisung von zwei bis vier Stunden. Landschaftlich das wildeste der drei, deutlich günstiger als Deutschland, dafür weniger Infrastruktur.
Was es wirklich kostet
Die Wochenmiete ist der Teil, den Du im Prospekt siehst. Er ist selten der Teil, der Deine Kasse überrascht.
| Posten | Größenordnung | Anmerkung |
|---|---|---|
| Wochenmiete Nebensaison | ab etwa 500 bis 900 Euro | kleines Boot, April bis Juni oder September bis Oktober |
| Wochenmiete Hauptsaison | etwa 1.000 bis 3.500 Euro | je nach Größe, Kabinenzahl und Baujahr |
| Kaution | meist vierstellig | oft per Kreditkarte geblockt, reduzierbar über Kautionsversicherung |
| Diesel | nach Verbrauch | wird bei Rückgabe abgerechnet, nicht im Preis |
| Endreinigung | etwa 80 bis 150 Euro | pauschal |
| Bettwäsche und Handtücher | pro Person | gern übersehen, addiert sich bei sechs Leuten |
| Hafengebühren unterwegs | pro Nacht | plus Strom und Wasser |
| Kurtaxe | pro Person und Nacht | je nach Ort |
Rechne für eine Familienwoche im Sommer ehrlich mit dem Anderthalbfachen der reinen Miete. Wer das einplant, hat auf dem Boot einen entspannten Urlaub. Wer es nicht einplant, zählt ab Mittwoch die Liegeplätze.
Der wirksamste Spartipp ist nicht der Rabattcode, sondern der Termin. Anfang Juni und Anfang September sind Wasser und Wetter fast so gut wie im Hochsommer, die Preise liegen aber teils bei der Hälfte, und Du bekommst überhaupt noch ein Boot.
Die drei Stunden Einweisung: verplempere sie nicht
Viele nicken die Einweisung ab, weil sie endlich los wollen. Das ist der teuerste Fehler der ganzen Woche, denn genau hier entscheidet sich, ob Du am Steg Blech faltest.
Vorgeschrieben sind unter anderem Verkehrsregeln, Betonnung, Brückenkennzeichnung, Verhalten an Engstellen und beim Schleusen, dazu praktisch das An- und Ablegen, Wenden, Mann-über-Bord und die Bordsysteme von Elektrik über Gas bis zur Toilette.
Drei Dinge solltest Du aktiv einfordern, auch wenn der Einweiser sie überspringen will:
- Anlegen bei Seitenwind, und zwar von beiden Seiten. Das ist die Situation, in der es später knallt.
- Eine echte Schleusung oder wenigstens die genaue Reihenfolge: anmelden, Leinen, Festmachen, Aufsicht.
- Der Notaus und der Hauptschalter. Lass Dir zeigen, wo sie sind, und fass sie einmal selbst an.
Wer die Finger davon lassen sollte
Ich verkaufe Dir das nicht als Urlaub für jeden.
Wenn Du Action willst, ist ein Boot mit 12 km/h Höchstgeschwindigkeit die falsche Wahl. Wenn Du im Urlaub keine Verantwortung tragen möchtest, auch: Du bist Bootsführer, und Du haftest gemeinsam mit dem Vermieter. Und wer bei Wind schnell nervös wird, sollte ein Flussrevier buchen und keinen großen See, auf dem ab Windstärke 4 ohnehin Schluss ist.
Für alle anderen gilt: Es gibt kaum einen ehrlicheren Weg herauszufinden, ob das Leben auf dem Wasser zu Dir passt. Eine Woche Hausboot kostet weniger als eine Woche Bootsbesitz, und sie beantwortet dieselbe Frage.
Such Dir das Revier nach Deinem Naturell aus, nicht nach dem Katalogfoto. Nimm die drei Stunden ernst. Und dann Leinen los.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich ein Hausboot ohne Führerschein mieten?
Ja, auf zwölf deutschen Wasserstraßen, die in Anlage 5 der Binnenschifffahrt-Sportbootvermietungsverordnung aufgeführt sind. Der Vermieter weist Dich mindestens drei Stunden lang ein und stellt danach eine Charterbescheinigung aus. Sie gilt nur für dieses Boot, dieses Revier und diesen Mietzeitraum.
Welche Reviere sind in Deutschland freigegeben?
Müritz-Elde-Wasserstraße mit Stör, Müritz-Havel-Wasserstraße, Obere und Untere Havel-Wasserstraße, Havel-Oder-Wasserstraße mit Finowkanal und Werbelliner Gewässern, Dahme-Wasserstraße, Spree-Oder-Wasserstraße, Rüdersdorfer Gewässer, Peene sowie Lahn, Saale und Saar.
Wie schnell darf ich mit Charterschein fahren?
In den Charterrevieren gelten in der Regel 12 km/h. Die genaue Grenze ergibt sich aus den Regeln der jeweiligen Wasserstraße und steht in Deinem Chartervertrag. Nachts darfst Du nicht fahren.
Wie alt muss ich sein?
In der Charterpraxis sind es 18 Jahre. Die Verordnung selbst nennt keine feste Altersgrenze, sie verlangt vom Vermieter aber, sich von Deiner Befähigung und Zuverlässigkeit zu überzeugen.
Was kostet eine Hausbootwoche wirklich?
In der Nebensaison beginnen kleine Boote bei etwa 500 bis 900 Euro pro Woche, in der Hauptsaison liegt die Spanne je nach Größe bei etwa 1.000 bis 3.500 Euro. Dazu kommen Kaution, Diesel nach Verbrauch, Endreinigung, Bettwäsche, Hafengebühren und Kurtaxe. Kalkuliere ehrlich mit rund dem Anderthalbfachen der reinen Miete.
Brauche ich im Ausland einen Führerschein?
In den Niederlanden nicht, solange das Boot unter 15 Meter lang ist und maximal 20 km/h läuft. In Frankreich reicht auf den Charterkanälen die Einweisung des Vermieters. In den Masuren gilt Führerscheinfreiheit bis 13 Meter Länge und 15 km/h nach einer Einweisung von zwei bis vier Stunden.
Weiterlesen: Boot chartern: der Leitfaden für die erste Charter · Müritz und Mecklenburgische Seenplatte: das Revier im Porträt
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